
Sehen abgelegte Ringe gern ein wenig hilflos und wie gestrandet aus, so reizt jetzt das Spiel, die vier oder fünf Teile zu stapeln und zu schichten, regelmäßig oder wie zufällig. Einige kann man aufstellen,so daß sie wie torartige Durchlässe wirken. Oder wie im schönsten Sinne überraschend ist es,an einem Ring entdecken zu können, daß sein Schmuckmotiv – eine einfache Blattform – nicht zentrierend wie etwa die Fassung eines Steines ausgefallen ist, sondern daß es parallel zum Ringverlauf entwickelt worden ist. Also um den Finger herum. Dieses Stück besitzt dann auch noch ein sinnvolles Geheimnis,um das nur der Träger wissen kann: Sieht er flach über seinen geschmückten Finger hinweg, dann kann er beobachten, daß sich sein Ring nicht schließt, sondern unter dem Blattmotiv das andere schlichte Ende frei und flach zugespitzt ausläuft. Das verrät eine hohe formale Konsequenz, die Wert nur in sich hat und ohne sachliche Begründung auskommt, denn dehnbar ist der Ring aufgrund seines starren Materials eben nicht.
Von ähnlich präziser Gedanklichkeit wird ein anderer Ring bestimmt, dessen schlichte hohe Wandung von einer eleganten S-förmigen Fuge durchtrennt ist. Wieviel mehr als jeder selbstgefällige Stein kann diese Linie zur Reflektion anregen – oder aber sie wirkt wie eine sanfte Irritation, wenn man sie denn bewußt als Trennung empfindet. Die Reaktion ist je nach Vorliebe oder Verfassung freigestellt.
Den Anspruch an sich selbst hat Christa Lühtje früh formuliert. Einmal durch ihr Bekenntnis zu betont exakten geometrischen Formen, zum anderen durch ihre Bevorzugung des Goldes. Kein milder Silberglanz, nichts Schmeichelndes, stattdessen die herrische Allüre des leuchtenden Materials. Unwillkürlich müssen wir uns daran erinnern, daß es die Welt zum Sklaven machen kann. Wie ideal es sich mit fast schmerzend genau geschnittenen Bergkristall-Steinen zu verbinden vermag, zeigt eine Kette von königlicher Attitüde. Sie ist schön für sich in der Auslegung auf einem neutralen Grund, aber die Direktheit ihres Anspruchs läßt nach dem Hals fragen, der ihretwegen den Kopf verliert.
Glück und leiser Schauder sind hier benachbart. Welche Dimensionen im Kleinen und welche Größe in der bestechenden Einfachheit der kreuzförmigen Glieder: Wirklich Berührendes kennt eben keine Umwege.
Klaus Jürgen Sembach

Texte